Milliarden Nachrichten – und doch allein

Was geschieht da gerade in unserer Gesellschaft? Wie kann es sein, dass jeden Tag milliardenfach Text- und Sprachnachrichten verschickt werden, es nie zuvor einfacher war, in Kontakt zu bleiben, und doch eine unsichtbare Krake all das aushöhlt und inmitten der Umtriebigkeit ein großes schwarze Loch existiert? Ein gesamtgesellschaftliches Phänomen geht um: mit dem Namen „Einsamkeit“. Längst viel mehr als nur ein harmloses Gefühl, und mit weit mehr Betroffenen, als es auf den ersten Blick scheint. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist jeder sechste Mensch weltweit betroffen.  Da Einsamkeit sowohl auf die psychische, als auch auf die körperliche Gesundheit erhebliche negative Auswirkungen haben kann, geht die WHO von jährlich rund 871.000 Todesfällen aus, die mit dem Thema im Zusammenhang stehen. So begünstige sie neben Rückzug, Traurigkeit, Depressionen, Angstzuständen, Schlaf- und Selbstwertproblemen sowie Suizidgedanken auch Volkskrankheiten wie Hirnschläge, Diabetes und Herzinfarkte. Diverse Studien bestätigen hier ein erhöhtes Risiko. Auch in Deutschland nimmt das Problem immer größere Ausmaße an und erreicht inzwischen alle Alters-, Berufs-, und Bildungsschichten. Besonders erschreckend: es trifft immer häufiger gerade die jungen und sehr alten Menschen. Und laut Einsamkeitsbarometer 2024 des Familienministeriums sind u.a. auch Menschen mit viel Care-Arbeit und mit Migrations- und/oder Fluchterfahrung besonders betroffen. 

Viele Gründe, viele Facetten

Die Ursachen und Gründe für Einsamkeit können vielfältig sein: Enttäuschungen, Umbrüche wie z.B. ein Wohnortwechsel, der Verlust des Partners oder des Arbeitsplatzes, Krankheit, geringes Einkommen, Familienprobleme, Migration, die Verlagerung vieler Handlungen ins Internet und somit weniger Alltagskontakt, Ausgrenzung und Mobbing, emotionale Instabilität oder starke Introvertiertheit. Einsamkeit entsteht oft unverschuldet, ist nicht gleichbedeutend mit Schwäche oder persönlichem Versagen. Und sie hat viele Gesichter: auch mitten im Alltagsgeschehen oder Trubel kann man sich einsam fühlen – selbst Familien oder Beziehungen sind nicht immer eine Garantie. Einsamkeit ist ein individuelles Gefühl und kann emotional, kulturell oder sozial bedingt sein: wenn enge Freunde und Vertraute fehlen, wenn man sich nicht eingebunden fühlt, kein Netzwerk hat, wenn Verbindlichkeit fehlt und Gespräche oberflächlich bleiben. Wer allein ist, muss nicht automatisch einsam sein, die Frage ist, wie das Alleinsein empfunden wird und ob es die Ausnahme – z.B. als Auszeit zum Nachdenken oder Erholen – oder ein unfreiwilliger Dauerzustand ist.   

Die heutige  Lebensrealität verstärkt die Gefahr der Einsamkeit. Die Welt ist weniger sozial aufgebaut. Die Corona-Pandemie und die zunehmende Verlagerung ins Digitale haben vieles verändert. Viele Dienstleistungen und Verwaltungsaufgaben müssen die Menschen heute selbst übernehmen, Service und persönliche Beratung sind rar geworden. Echte Begegnungsräume werden weniger und es ist bei vielen Menschen eine eigenartige Scheu und abnehmende Gesprächsbereitschaft zu spüren. Im Netz herrscht ein großer Konkurrenzkampf und das Wir-Gefühl ist auch dort teils nur Illusion. Es geht um die beste Performance im ständigen Ranking. Den Vergleichskampf gewinnt, wer am attraktivsten, am auffallendsten oder am lautesten ist. Das ist anstrengend und kräftezehrend, manchmal langweilig oder demütigend, und oft hinterlässt die Mediennutzung mehr Leere als Zufriedenheit. Im Netz wird Nähe eher suggeriert als gelebt – auch das ein Nährboden für Einsamkeit,

Zurück zum Anfang Pfeil nach oben