Interview mit Jana Crämer zum Projekt „bauchgefühl“

„Hey, ich bin Jana und ich bin essgestört“, stellt sich Autorin Jana Crämer, die noch vor wenigen Jahren über 180 Kilo gewogen hat, ihren Fans vor. Mit ihrem von den Kritikern hoch gelobten Debüt-Roman „Das Mädchen aus der 1. Reihe“ hat sie ein Tabu gebrochen und spricht heute, mit etwa 100 Kilogramm weniger, schonungslos offen über ihre Essstörung und wird von zahlreichen Medien auf ihrem Weg begleitet (u.a. RTL, SAT.1, VOX, ZDF). Über 20.000 Fans folgen Jana Crämer auf ihren Social-Media-Kanälen und ihrem Blog „Endlich ich“. Für ihren Mut in der Kommunikation wurde die Wahl-Berlinerin mit dem SignsAward18, dem Oscar der Kommunikationsbranche, geehrt und gilt als eine der authentischsten Botschafterinnen für Bodypositivity.

Im Interview spricht sie über das Projekt „bauchgefühl“, das gemeinsam mit dem Musiker Batomae an deutschen Schulen durchgeführt wird. Initiiert wurde die Kampagen vom BKK Landesverband NORDWEST. Sie soll Jugendliche für das Thema Essstörungen sensibilisieren und die Entstehung von Magersucht oder Bulimie verhindern.

Wann hast du für dich akzeptiert, dass du unter einer Essstörung leidest? Gab es dafür einen bestimmten Auslöser?

Wirklich akzeptiert habe ich die Essstörung ehrlich gesagt nicht. Ich will die Essstörung nicht akzeptieren, weil das so endgültig klingt. Ich bin weit davon entfernt, zu resignieren und sie in meinem Leben zu akzeptieren, sondern vielmehr bin ich auf dem Weg raus aus der Essstörung zurück in ein genussvolles Leben. Realisiert, dass ich unter einer Essstörung leide, habe ich eigentlich erst, als ich vor dem Klo lag, nachdem ich mich übergeben hatte. Da habe gemerkt, dass das alles nicht nur eine Phase oder eine Diät ist. Ich dachte lange, dass ich da allein wieder rauskomme, wenn ich mich nur genug anstrengen würde. Bei jedem Fressanfall war ich mir absolut sicher, dass dies der letzte ist. Solange, bis ich wieder vorm Klo lag.

Einen Psychotherapeuten habe ich tatsächlich erst viele, viele Jahre nach der Erkenntnis aufgesucht. Ausschlaggebend war ein 12-Jähriges Mädchen, das mich bei einem Auftritt in einem Therapiezentrum angesprochen hat und mir vorwarf, dass ich feige sei. Damit meinte sie, dass ich mir bisher nie wirklich professionelle Hilfe gesucht habe. Mit Ihrer schonungslos ehrlichen Ansprache hat sie mich dazu bewegt, mit einer Psychotherapie zu beginnen. Ich lasse mir ja viel sagen, aber nicht, dass ich feige bin. Mit ihrer provokanten Aussage hat sie echt ins Schwarze getroffen.

Du bist seit Herbst 2016 im BKK-System. Warum hast du dich dazu entschieden gerade mit der Salus BKK die Konzertlesungen an den Schulen fortzuführen?

Ich bin seit meiner Geburt im BKK-System versichert, und dass wir jetzt zusammenarbeiten, freut mich total. Als wir uns kennengelernt haben, und ich mehr über die Initiative „bauchgefühl“ erfahren habe, stand für mich vollkommen außer Frage, dass wir zusammen gehören. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal mit einem guten Bauchgefühl an Schulen fahre und dass wir ganze Schulen mit unseren Konzertlesungen verändern können. Wir erhalten tolle Reaktionen von Schülern, sowohl zum Unterrichtsprogramm „bauchgefühl“ als auch zu den Konzertlesungen, das ist wundervoll. Natürlich gibt es mal Tage, wo man entnervt auf den Wecker guckt und keine Lust hat, um 06:30 Uhr zur nächsten Schule zu fahren, aber wenn wir dann nach der Konzertlesung mit den Schülern zusammensitzen, Tränen trocknen und Umarmungen ausgetauscht werden und beobachten dürfen, wie nah so eine Klasse zusammenrücken kann, ist das unvergleichlich.

Was und wen möchtest du mit den Konzertlesungen erreichen?

Erreichen möchte ich mit der Thematik an sich jeden. Bereits 8-Jährige haben heute erste Erfahrungen mit Diäten gesammelt. Absolut schrecklich. Mit meinen Konzertlesungen möchte ich jedoch erst Jungen und Mädchen ab 12 Jahren ansprechen, da es in den Konzertlesungen doch sehr ans Eingemachte geht und ich es nicht gut fänd, Kinder diesen Gedanken auszusetzen. Ich möchte mein Schweigen brechen und auf meine Art ein Vorbild sein. Ich möchte zeigen, dass es so viel einfacher ist, wenn man Dinge benennt und ehrlich ist. Ich möchte Offenheit und Akzeptanz erreichen. 

Früher habe ich gewissermaßen ein Doppelleben geführt, alles mit mir selbst ausgemacht und versucht, alles zu verbergen. Ich habe sämtliche Feiern und Anlässe gemieden, um nicht aufzufliegen. Inzwischen benenne ich meine Essstörung offen, wenn ich mir kein Häppchen vom Partybuffet nehme, und erfahre dabei viel Akzeptanz. Meist ist noch jemand im Raum, der selbst betroffen ist oder jemanden kennt der auch betroffen ist. Das ist sehr erleichternd und befreiend. Plötzlich stehst Du mit Fremden am Partybuffet und bist im schonungslos offenen Austausch, dass Essen manchmal die schönste, sehr oft aber auch die schwierigste Sache der Welt ist. Alleine, wenn man durch Supermarktregale geht und die Fülle von gluten- und laktosefreien, low-carb und slowcab, vegetarischen oder veganen Lebensmitteln sieht, erkennt man doch schon, dass auch andere Menschen sich intensiv mit dem Thema Essen beschäftigen oder beschäftigen müssen. Essen ist gewissermaßen eine Religion geworden, kaum jemand, der nicht haarklein die Nährwerte checkt. Oft habe ich den Eindruck, es gibt kaum jemand der genussvoll isst, ohne zu analysieren und abzuwägen. Außer Kinder, die nehmen sich, was sie brauchen oder lehnen ab, was sie nicht möchten. Ich bin sehr dafür, den Stellenwert von Essen zu reduzieren. Essen sollte gesund, lecker, nahrhaft sein und dem Körper geben, was er braucht. Essen sollte keine Religion sein, sondern Genuss.

Welches Feedback erhältst du von den Schülern und Lehrern nach den Konzertlesungen?

Vorher weiß niemand so wirklich was passiert. Alle fragen sich: Ist das jetzt ein Theaterstück oder eine ausgedachte Geschichte oder so eine langweilige Info-Veranstaltung? Und wenn die Schüler*innen dann merken, dass wir unsere Geschichte erzählen, dass wir beschreiben wie wir mit dem ganzen Thema umgehen, dass da eben nichts geschauspielert ist, sondern zwei beste Freunde auf der Bühne sitzen, die aus ihrem Leben erzählen, erreicht sie das dann wirklich. Wir bekommen Standing Ovations und auch Lehrer kommen mit Tränen in den Augen zu uns. Ich habe neulich eine E-Mail erhalten, wo uns eine Klasse ein Jahr nach der Konzertlesung ein Gruppenfoto geschickt hat. Es zeigt eine starke Gemeinschaft, die aufeinander aufpasst und füreinander da ist. Wir dürfen mit unseren Auftritten Klassen, ja, ganze Schulen verändern. Das ist wundervoll.

Was rätst du Jugendlichen, die Hilfe benötigen und ihre Essstörung bekämpfen möchten?

Jedem, der sich mit seinem Körpergewicht nicht wohl fühlt, der unter seinem Essverhalten leidet und daran verzweifelt, weil er es nicht in den Griff bekommt, rate ich, bitte nicht zu googeln. Bitte nicht im Internet nach der nächsten Crash-Diät schauen und irgendwelche überteuerten Abnehmprodukte raussuchen, das ist absolut gefährlich. Wendet euch an eure Krankenkasse. Das klingt unsexy, langweilig und spießig. Aber die Krankenkassen sind wirklich diejenigen, die daran interessiert sind, dass ihr gesund werdet. Das klingt so einfach und so einfach ist es auch. Jede Krankenkasse hat das Ziel, viel Geld zu sparen und das tun sie, wenn ihr gesund seid. Deshalb guckt bei euren Krankenkassen nach Ansprechpartnern, nach Ernährungs-Tipps, Info-Broschüren, die man direkt downloaden kann.

Kannst du deiner Essstörung vielleicht auch positive Seiten abgewinnen?

Inzwischen bin ich dankbar, dass ich seit meiner Jugend essgestört bin. Mein Elternhaus war Himmel oder Hölle. Wenn ich die Haustür aufgeschlossen habe, wusste ich nicht, was mich dahinter erwartet, weil mein Vater schwerer Alkoholiker war. Meine Essstörung war mein Katalysator. Eine Therapeutin hat gesagt: „Jana eine Essstörung ist besser als ein Strick.“ Ja, die Essstörung hatte ihre Zeit und es war gut, dass sie da war, weil ich sonst wer weiß was getan hätte, aber inzwischen ist es einfach nervig, dass ich viel zu leicht in die alten Muster verfalle und es als Trost/Schutz ansehe. Ich möchte gesund werden und ich möchte mich nicht von einer Sucht bestimmen lassen.

Lösen die Auftritte und die Aufregung einen inneren Druck aus, bei dem die Gefahr eines Rückfalls steigt?

Vor den Auftritten bin ich ein Bündel von Emotionen. Aufregung, Ängstlichkeit und Lampenfieber begleiten mich vor jedem Auftritt. Ich würde schon sagen, dass ich eigentlich nicht für die Bühne gemacht bin, eher für die erste Reihe bei den Auftritten meines besten Freundes Batomae. Die Vorstellung, selbst da oben auf der Bühne zu sitzen, mein Inneres nach außen zu kehren, meinen nackten Körper zu beschreiben, meine Höhen und Tiefen schonungslos offen zu präsentieren, während alle Augen auf mich gerichtet sind, sorgt noch immer für große Aufregung.

Von Rückfällen spreche ich aber ohnehin nicht gerne. Das klingt nach Rückschlag und ausgeliefert sein. Ich nenne sie lieber Zwischenfälle. Diese passieren manchmal, aber immer seltener. Ich nutze diese Zwischenfälle heute als Kompass. Sie zeigen mir an, dass etwas in meinem Leben nicht stimmt und ich etwas verändern sollte, um für inneres Gleichgewicht zu sorgen. Unsere Auftritte sind für solche Zwischenfälle aber keine Auslöser. Lampenfieber und Aufregung sind bei mir nicht mit dem Verlangen nach Essen gekoppelt. Ich habe gelernt, mit dem Druck umzugehen und darüber zu sprechen. Außerdem bitte ich inzwischen mein Umfeld um das, was ich brauche. Zudem ist jeder Auftritt ein Stück Verarbeitung des Vergangenen und somit auch ein bisschen Therapie.

Hat dir schon mal jemand den Vorwurf gemacht, du nutzt deine Krankheit kommerziell aus?

Ja. Tatsächlich. „Ja, du bist ja nur so bekannt, weil du essgestört bist.“ Aber da kann ich zum Glück drüber lachen. Würde jeder, der essgestört ist, auf dieses Tabuthema aufmerksam machen, hätten wir ein Tabu weniger auf dieser Welt. Aber leider sind wenige so mutig, es anzusprechen, also bin ich mutig für die, die es noch nicht sein können.

Angenommen wir hätten das Jahr 2050: Glaubst du, du würdest dich immer noch sehr mit dem Thema Essen beschäftigen?

Ich werde mich immer mit dem Thema Essen beschäftigen. Ich sehe das nicht so wie bei einem trockenen Alkoholiker. Es gibt beim Essen so viele interessante und verschiedene Aspekte (neue Rezepte, was es mit dem Körper macht, was es für einzelne Bausteine wie Fette, Kohlenhydrate gibt) und durch die Arbeit mit dem Thema bin ich neugierig geworden. Ich möchte sehr viel mehr über das Thema erfahren. Man lernt ja nie aus.

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