Medizinwissen: Was ältere Menschen tun können, um Stürzen vorzubeugen
Unabhängigkeit zu bewahren. Umso verständlicher ist es, dass viele ältere Menschen Angst davor haben, zu stürzen, sich einen Knochen zu brechen und dadurch die eigene Unabhängigkeit zu verlieren.Es könnte jedoch kontraproduktiv sein, wenn Sie Ihre Aktivitäten aus Angst vor einem Sturz zu stark einschränken. Wer aufhört, körperlich aktiv zu sein, hat sogar ein größeres Risiko zu stürzen, als jemand, der täglich viel zu Fuß unterwegs ist.
Außerdem gehen die weitaus meisten Stürze auch bei Menschen über 65 glimpflich aus und haben keine ernsthaften gesundheitlichen Folgen. Zudem können Sie selbst einiges tun, um Stürzen vorzubeugen. Es ist also nicht nötig, sich zu viele Sorgen darüber zu machen.
Welche Folgen hat ein Sturz?
Man schätzt, dass etwa 30 von 100 Männern und Frauen über 65 einmal im Jahr stürzen. Bei Heimbewohnern ist die Rate höher als bei Menschen, die zu Hause leben. Manchmal kommt es beim Sturz zu einer Prellung oder Abschürfung. Knochenbrüche treten jedoch bei weniger als einem von 10 Stürzen auf. Wenn es zu einem Knochenbruch kommt, sind meist die Unterarmknochen betroffen. Knochenbrüche an der Hüfte oder am Oberschenkel können auch ernsthafte Komplikationen und Einschränkungen zur Folge haben - sie kommen meist erst im hohen Alter vor.
Wodurch können Stürze verursacht werden?
Stürze können einerseits durch Hindernisse und Stolperfallen in der eigenen Wohnung oder unmittelbaren Umgebung verursacht werden. Dazu gehören zum Beispiel hoch stehende Teppichkanten und Fußleisten, lose Kabel, glatte Böden oder nicht rutschfeste Badematten. Problematisch kann es auch sein, nachts über glattes Parkett nur auf Socken zur Toilette zu gehen.
Andererseits können Stürze die Folge bestimmter gesundheitlicher Probleme sein. Beispiele hierfür sind Sehbehinderungen, gelegentliche Kreislaufschwäche oder Schwindel durch zu hohen oder zu niedrigen Blutdruck sowie einige Erkrankungen, die den Gleichgewichtssinn stören. Ferner können manche Medikamente die Aufmerksamkeit und Reflexe beeinträchtigen und dadurch zu Stürzen führen. Zu diesen Medikamenten gehören vor allem bestimmte Beruhigungsmittel und andere Psychopharmaka. Auch Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Medikamenten könnten das Sturzrisiko erhöhen.
Wer schon einmal gefallen ist, hat ein erhöhtes Risiko, erneut zu stürzen. Wenn Sie gestürzt sind, ist das also ein guter Anlass, sich Gedanken darüber zu machen, ob Sie nicht bestimmte Risiken von vornherein vermeiden können.
Wie kann man sich vor Stürzen schützen?
Einige Maßnahmen zur Vermeidung von Stürzen sind relativ einfach, wenn man nur an sie denkt. Welche Maßnahmen sinnvoll sind, hängt jedoch sehr von der persönlichen und gesundheitlichen Situation eines älteren Menschen ab. Nicht jede Maßnahme eignet sich bei allen Menschen gleichermaßen. Das IQWiG hat aktuelle Forschungsregebnisse zu einigen wichtigen Empfehlungen für Sie zusammengestellt:
Bewegungsprogramme
Menschen, die zu Hause wohnen und bei relativ guter Gesundheit sind, können von einem altersgemäßen Training profitieren, bei dem sie die Muskulatur stärken, den Gleichgewichtssinn verbessern oder die Ausdauer erhöhen. Studien belegen, dass solche Programme bei ihnen das Risiko für Stürze und sogar für Knochenbrüche verringern können. Allerdings ist es wichtig, dass Sie vorsichtig abwägen, welche Bewegungsarten sich bei Ihnen eignen.
Bei Menschen, die gesundheitlich schon stärker beeinträchtigt sind, haben manche Trainingsprogramme in Studien das Sturzrisiko erhöht. Hierzu gehören häufig ältere Menschen, die in Pflegeheimen wohnen oder auch Menschen mit bestimmten gesundheitlichen Problemen wie Parkinson oder Bewegungseinschränkungen nach einem Schlaganfall.
Es gibt jedoch auch Maßnahmen, von denen stärker beeinträchtigte Menschen, zum Beispiel in Pflegeheimen, profitieren können. Dazu gehören insbesondere Programme zur Sturzprophylaxe, die durch Teams aus verschiedenen Fachleuten gestaltet werden, wie Physiotherapeuten, Altenpflegekräften und geriatrisch tätigen Ärztinnen und Ärzten. In Studien konnten solche Programme das Risiko für Stürze bei stärker beeinträchtigten Menschen in Pflegeheimen verringern.
Eine mögliche Erklärung hierfür ist, dass ein Team aus Fachleuten verschiedener Disziplinen individuelle Risiken eher erkennt und Maßnahmen besser auf den Einzelnen zuschneiden kann.
Was Menschen mit bestimmten Gesundheitsproblemen tun können
Stolperfallen in der Wohnung können gerade bei einer geringen Sehkraft problematisch sein und das Risiko für Stürze erhöhen. Wer Stolperfallen erkennt und beseitigt, kann die Wahrscheinlichkeit für einen Sturz vermutlich senken. Einige Studien zeigen auch, dass Menschen mit einem grauen Star ihr Risiko für Stürze senken können, wenn sie die eingetrübten Linsen operativ entfernen und durch eine Kunststofflinse ersetzen lassen, um wieder besser sehen zu können. Wer bestimmte Herzrhythmusstörungen hat, könnte von einem Herzschrittmacher profitieren.
Absetzen von Medikamenten, die das Sturzrisiko erhöhen
Manche Arzneimittel können allein oder in Kombination mit anderen Mitteln das Risiko für Stürze erhöhen. Studien zeigen, dass sich das Sturzrisiko senken lässt, wenn unnötige Medikamente abgesetzt werden. Dazu ist es hilfreich, eine Liste der Medikamente zu erstellen, die Sie einnehmen. Mit einer Apothekerin, einem Apotheker, einer Ärztin oder einem Arzt können Sie dann darüber sprechen, ob wirklich alle Medikamente nötig sind und ob es Wechselwirkungen geben könnte. Auf Gesundheitsinformation.de finden Sie ein Formblatt, das Sie ausdrucken und zur Auflistung von Medikamenten verwenden können. Sie können es hier herunterladen.
Gerade bestimmte Psychopharmaka können das Risiko für Stürze erhöhen. Menschen mit Beschwerden wie starker Unruhe, Schlaflosigkeit, Angst oder Erschöpfung greifen manchmal zu solchen Medikamenten. Ein Beispiel hierfür sind Mittel aus der Gruppe der Benzodiazepine. Wer diese Medikamente schrittweise absetzt, kann sein Sturzrisiko senken. Es ist nicht immer einfach, von diesen Medikamenten loszukommen, da sie schon in niedriger Dosierung nach wenigen Wochen abhängig machen können. Was helfen könnte, ohne solche Medikamente auszukommen, erfahren Sie hier. Wenn Sie vor allem beim Schlafen Probleme haben und gerne auf Schlafmittel verzichten möchten, finden Sie hier weitere Informationen dazu, welche anderen Möglichkeiten zu einem geruhsameren Schlaf verhelfen können.
Vitamin D kann das Sturzrisiko vermutlich senken
Vitamin D soll die Muskulatur stärken und dadurch das Risiko für Stürze verringern. Außerdem fördert Vitamin D bei Bedarf die Aufnahme von Kalzium und Phosphat aus dem Darm. Ein ausreichender Kalziumspiegel ist ein Faktor für einen normalen Knochenstoffwechsel und damit auch für die Stabilität der Knochen. Möglicherweise ist Vitamin D wirksamer, wenn es zusammen mit Kalzium genommen wird. Es ist jedoch mehr Forschung nötig, um dies mit Sicherheit sagen zu können und auch um herauszufinden, welche Dosierung am besten geeignet ist.
Vitamin D und Kalzium können unerwünschte Wirkungen haben. Dazu gehört vor allem die Bildung von Nierensteinen. Europäische und US-amerikanische Behörden empfehlen, täglich nicht mehr als 1000 bis 1300 mg Kalzium in Form von Nahrungsergänzungsmitteln aufzunehmen. Als sichere Obergrenze für Vitamin-D-haltige Nahrungsergänzungsmittel empfiehlt das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) 800 Internationale Einheiten. Internationale Einheiten sind ein festgelegtes Maß für die Dosis eines Stoffes; sie werden IE oder IU abgekürzt.
Bei Vitamin D ist es wichtig, zwischen herkömmlichen und aktiven Vitamin-D-Präparaten zu unterscheiden. Herkömmliche Vitamin-D-Präparate enthalten in der Regel eine Form des Vitamins, das vom Körper erst in seine wirksame Form umgewandelt werden muss. Dabei spielen Leber und Nieren eine große Rolle. Aktive Vitamin-D-Präparate wie zum Beispiel Alfacalcidol oder Calcitriol müssen vom Stoffwechsel nicht mehr umgewandelt werden. Sie werden manchmal auch Vitamin-D-Analoga genannt und kommen vor allem bei Menschen mit einer Nierenschwäche infrage. Allerdings bergen sie ein erhöhtes Risiko für Hyperkalzämien.
Bei einer Hyperkalzämie befindet sich zu viel Kalzium im Blut. Dies kann manchmal zu ernsthaften Komplikationen wie Herzrhythmusstörungen führen. Eine ausgeprägte Hyperkalzämie kann sich durch Übelkeit, Erbrechen, verstärkten Harnfluss, Muskelschwäche, Benommenheit oder auch verstärkten Durst oder Appetitlosigkeit äußern.
Was sonst noch helfen könnte
In einigen Studien bewerteten Fachleute wie Ärzte, Pflegekräfte, Physio- oder Ergotherapeuten das individuelle Sturzrisiko der älteren Menschen und schlugen auf dieser Grundlage Maßnahmen zur Sturzvorbeugung vor. Beispielsweise wurde überprüft, ob die Teilnehmenden eine Sehschwäche oder andere gesundheitliche Probleme hatten, die das Sturzrisiko erhöhen, und ob sie beispielsweise von einer Brille oder von Gehhilfen profitieren könnten. Diese Maßnahmen erwiesen sich als hilfreich.
Im Winter könnten "Schneeketten" für Schuhe das Risiko von Stürzen senken. Die Ketten werden um die Sohle des Schuhs gelegt und sollen ähnlich wie Schneeketten beim Auto verhindern, dass man bei Glätte ins Rutschen kommt. In einer Studie half diese Maßnahme, Stürze zu vermeiden.
Große Angst vor Stürzen ist nicht nötig
Bei allen Möglichkeiten und Ratschlägen, die es gibt, um sich vor Stürzen zu schützen: Wichtig ist auch, sich im Alltag nicht zu sehr zu ängstigen. Die meisten Stürze gehen – wie gesagt – glimpflich aus. Und zu viel Verunsicherung ist auch nicht hilfreich, denn aktiv zu bleiben, kann eine der wichtigsten Maßnahmen sein, wenn man sich vor Stürzen schützen und mobil bleiben will. Das Leben hört schließlich nicht auf, bloß weil wir älter werden.
Quelle: www.gesundheitsinformation.de (IQWiG)
Letzte Aktualisierung: 01. September 2011
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