Erfahrungsbericht: Was aus der Depression hilft
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Mit der Salus Redaktion spricht er über seinen persönlichen Leidensweg – und den Ausweg aus der Depression.
Herr Reiners, Ihr Kampf gegen die Depression dauerte zwei Jahrzehnte. In dieser Zeit haben Sie viele verschiedene Behandlungsmethoden ausprobiert. Wie lautet Ihr Fazit?
Mein Fazit klingt enttäuschend, soll aber so nicht aufgefasst werden, im Gegenteil. Es gibt keine wirklich erfolgversprechende Therapie, es gibt nur gute Therapeuten, welche die gesamte Klaviatur der Behandlungsmöglichkeiten einsetzen. Therapie ist kein Spaziergang
und kein Wellnessprogramm für die Seele. Eine wirksame Therapie gleicht einer Hochgebirgswanderung in unwegsamen Gelände: Sie ist anstrengend, macht manchmal mutlos, zwingt zur Wahrheit im Umgang mit sich selbst.
Und wie ist es Ihnen letztendlich gelungen, einem Weg heraus aus Ihrem seelischen Leid zu finden?
Schwer zu sagen, war die lange Zeit der Therapie erfolgreich, war es der Arzt oder war ich es selbst? Es ist wohl dieser Dreiklang. Im Rückblick muss ich sagen: Meine Therapie war nicht streng genug, ich wurde zu lange mir selbst überlassen. Den Weg aus der Depression habe ich nur gefunden, weil ich mir selbst irgendwann – ganz langsam – wieder vertraut habe.
Seit 1978 laufen Sie regelmäßig. Inwiefern hat Ihnen der Sport aus der Depression geholfen?
Sport allein ist noch keine Therapie. Aber Sport bedeutet, den eigenen Körper in seiner Leistungsfähigkeit zu erleben, dass sich die eigene Leistung steigern lässt und dass das Erleben der Natur beim Laufen wohltuend ist. Das genügt schon. Jeder Aspekt des Wohlfühlens hilft in der Depression, er macht Mut, gibt Hoffnung, eröffnet Perspektiven. Nicht Leistungssport ist das Konzept, sondern die sich selbst gegönnte Zeit im Erleben der eigenen Fähigkeiten. Spazierengehen tut es auch. Wichtig ist nur, sich ein Ziel zu setzen und dieses auch zu erreichen, z. B. 30 Minuten Laufen oder 30 Minuten Spazierengehen. Wer das als Last empfindet, sollte es lassen. Aber diese Entscheidung sollte erst nach sechs Wochen fallen, wenn sich der Trainingseffekt bemerkbar gemacht hat.
Fällt es während einer Depression denn nicht schwer, sich zum Sport zu motivieren? Immerhin müssen auch viele gesunde Menschen dazu ihren inneren Schweinehund überwinden.
Natürlich ist diese Selbstmotivation schwierig, aber sie ist Teil der Behandlung. So wie der Diabetiker sein tägliches Insulin braucht, so muss auch der Depressionskranke ganz konsequent mit seiner Krankheit umgehen. Noch einmal: Therapie in der Depression ist
harte Arbeit, das hören die Patienten zwar nicht gern, aber wer die Depression überwinden will, muss diese Zusammenhänge von Selbstverantwortung, dem langsamen Aufbauen des Lebenselans und einer mit dem Arzt abgestimmten konsequenten Lebensführung akzeptieren. Alles andere verlängert die Leidenszeit.
Was würden Sie Menschen raten, die an einer Depression leiden?
Wer länger als 14 Tage durchgehend mutlos und hoffnungslos ist oder suizidale Gedanken hegt, ist in Gefahr und sollte sich umgehend in einer psychiatrischen Ambulanz eines Krankenhauses melden. Jedes Abwarten, jedes halbherzige Herumdoktern kann lebensgefährlich sein. Die Depression ist eine Krankheit wie jede andere, ich habe sie den Krebs der Seele genannt. Wie bei der Krebserkrankung ist auch bei der Depression eine konsequente Diagnose und ein darauf abgestimmtes Behandlungskonzept dringend erforderlich. Auch diese anfangs bittere Wahrheit sollte der Kranke akzeptieren. Je eher er sich einer Behandlung stellt, je schneller wird er von seinem Leiden und seinen quälenden Gedanken erlöst.
Herr Reiners, wir danken Ihnen für das interessante Interview!
(erschienen in: Salus – Ihr Gutfühlmagazin 3-2010)
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