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Bewegung ist die beste Medizin

Prof. Grönemeyers Tipps bei Rückenschmerzen

Rückenschmerzen sind in Deutschland das Volksleiden Nummer 1. So gut wie jeder leidet irgendwann unter Rückenbeschwerden, angefangen von leichten Verspannungen bis hin zum gefürchteten Bandscheibenvorfall. Im Rahmen unseres großen Rückenspecials informieren wir Sie gemeinsam mit Deutschlands Rückenspezialist Prof. Dr. Grönemeyer über die häufigsten Arten und Ursachen von Rückenschmerzen. Erfahren Sie außerdem, was Sie tun können, damit es in Ihrer Belegschaft erst gar nicht zu Beschwerden kommt.

Herr Prof. Dr. Grönemeyer, Rückenschmerzen gehören zu den großen Volksleiden unseres Jahrhunderts. Warum ist unser Rücken so anfällig für Schmerzen?
Wir sitzen heute zuviel, bewegen uns zu wenig und ernähren uns einseitig. Ein Großteil der Rückenprobleme geht auf mangelnde Bewegung zurück. Ein weiterer Faktor ist der Stress, der körperliche Anspannung bewirkt. Dauerstress oder übergroßer Druck sorgen dafür, dass aus Anspannung Verspannung wird. Und chronische Verspannung kann schließlich zu Bandscheibenvorfällen oder Gelenkverschleiß führen. (Bildquelle: Grönemeyer Medical)

Sie haben in den vergangenen drei Jahrzehnten viel Erfahrung mit Rückenbeschwerden gesammelt. Mit welchen Arten von Rückenschmerzen plagen sich die Deutschen besonders häufig herum?

Am häufigsten sind von Verspannungen begleitete, örtlich begrenzte Schmerzen. Sie sind oft ein Zeichen für eine einseitig beanspruchte Muskulatur, beispielsweise durch zu langes Sitzen. Ein starker, jäher Schmerz im Bereich der Lendenwirbelsäule, eingeschränkte Beweglichkeit sowie eine verhärtete Muskulatur sind häufig Zeichen eines „Hexenschusses“. Eher seltener ist ein Bandscheibenvorfall der Grund, sehr häufig kommt es hingegen zu Verrenkungen der kleinen Wirbelsäulengelenke.

Welche Erste-Hilfe-Maßnahmen empfehlen Sie, wenn es plötzlich zu dem beschriebenen akuten Rückenschmerz kommt und jede Bewegung unerträglich wird?
Kälte hilft bei akutem Schmerz am besten: Wickeln Sie z.B. Eiswürfel in ein feuchtes Tuch, legen Sie diese zehn Minuten lang an die schmerzende Stelle und wiederholen Sie diese Behandlung alle zwei Stunden. Die gesteigerte Durchblutung entspannt die Muskulatur. Manche Menschen vertragen jedoch Hitze in der Schmerzzone besser.

Um lästige Rückenschmerzen auszuschalten, greifen Berufstätige schnell mal zur Schmerztablette. Wie sinnvoll ist der Einsatz von schmerzstillenden Mitteln?
Leichte Schmerzmittel können zu Beginn einer Schmerzphase sinnvoll sein, weil sie helfen, weiter beweglich zu bleiben. Länger als einige Tage sollte man die Mittel aber nicht einnehmen. Denn wer länger Schmerzen hat, nimmt eine Schonhaltung ein, was wiederum zu einer Zunahme der Verspannung führt. Die Medikamenteneinnahme sollen Sie mit Ihrem Arzt besprechen.

Und wann sollte man besser einen Arzt aufsuchen? Welche Symptome weisen auf einen Notfall hin?
Zum Arzt muss man unbedingt, wenn die Schmerzen ins Bein oder den Arm ausstrahlen, nach einer Woche nicht besser werden oder sich sogar verschlechtern bzw. ein Kraftverlust auftritt. Sofortige ärztliche Hilfe benötigt man, wenn Körperhaltung oder Bewegungen nichts am Grad oder an der Lokalisation der Schmerzen ändern oder diese stärker werden. Auch akute Muskelschwäche, Verdauungsprobleme, Störungen beim Wasserlassen und Fieber sowie ein Taubheitsgefühl sollte man unverzüglich von einem Arzt abklären lassen.

Wie geht es beim Arztbesuch weiter? Wie lassen sich die Ursachen von Rückenschmerzen aufspüren und therapieren?
Wichtig ist zunächst die Aufklärung über die meist harmlosen Ursachen von Rückenschmerzen. Der überwiegende Anteil der akuten Rückenschmerzen beruht auf Muskelverspannungen. In diesem Fall sollte der Patient trotz Beeinträchtigung zur körperlichen Aktivierung motiviert werden. Zusätzlich können leichte Schmerzmittel, Wärmebehandlungen und Physiotherapie ratsam sein. Bei chronischen Rückenschmerzen ist aufgrund der vielfältigen möglichen Ursachen eine Untersuchung der Krankengeschichte durch ein fachübergreifendes Ärzteteam sehr wichtig.

Abgeleitet aus der Diagnose ergibt sich dann auch ein individueller Therapieansatz. Ein Arzt, der über ein gutes Netzwerk unterschiedlicher Therapeuten verfügt, kann dem Patienten am besten helfen. Letztlich kommt es auf die Erkrankung an: ob es sich etwa um eine Verspannung handelt oder einen Bandscheibenvorfall. Man kann vielfältige Heilungsmöglichkeiten anbieten. Sie reichen je nach Schweregrad und individueller Situation vom regelmäßigen Schwimmen über Massagen, Akupunktur, Osteopathie bis zur Psychotherapie – und sanften Behandlungsformen wie Mikrotherapie, sofern nicht doch eine Bandscheibenoperation notwendig wird. Die Operation steht ganz am Ende, ausgenommen sind die Notfallsituationen bei akuten Lähmungen und Blasenstörungen.

Inwiefern beeinflusst denn unsere Psyche unser Rückgrat?
Der Rücken trägt viele Lasten, tatsächliche und oft auch psychische. Seele und Körper sind nicht voneinander zu trennen. Depressionen äußern sich nicht selten in Rückenschmerzen oder auch in einem akuten Hexenschuss.

Vorbeugen ist immer noch besser als heilen. Können Sie unseren Versicherten Anregungen geben, was man selbst für einen starken Rücken tun kann?
Man kann nicht oft genug darauf hinweisen: Ein Großteil der Rückenprobleme geht auf mangelnde Bewegung zurück. Wer dies verstanden hat, hat schon den ersten großen Schritt auf dem Weg zu einem gesunden Rücken geschafft und wird selbst Verantwortung für seinen Körper übernehmen. Zusätzlich kann man durch Rückentraining gezielt die Muskeln stärken, die den Rücken stützen – hierzu gehört auch regelmäßiges Bauchmuskeltraining.

Welche Sportarten empfehlen Sie speziell Menschen mit chronischen Rückenbeschwerden?
Walking ist z. B. eine ideale Form des Ausdauertrainings, das sowohl Bein- als auch Rumpfmuskulatur stärkt. Dadurch verbessert sich die Haltung, und auch Rückenschmerzen wird vorgebeugt. Empfehlenswert unter dem Aspekt der gelenkschonenden Bewegung sind Schwimmen und Wassergymnastik, da durch die Auftriebskräfte des Wassers das Eigengewicht des Körpers weniger zum tragen kommt. Unter psychosozialen Gesichtspunkten empfehle ich das Tanzen, denn neben dem Training verschiedenster Muskelgruppen sowie Herz und Kreislauf wird durch den Paarsport auch die direkte zwischenmenschliche Interaktion gefördert. Als generelle Regel gilt: Sportarten, die ruckartige und unvorhersehbare Bewegungen mit sich bringen, sollte man meiden.

Auch unter Jugendlichen steigt die Anzahl der Rückenerkrankungen. Haben Sie zum Abschluss einen Tipp für Eltern, die Rückenschmerzen bei Kindern vorbeugen möchten?
Kinder sitzen durchschnittlich 4 bis 5 Stunden täglich vor dem Computer und Fernseher, 15 % der Kinder sind übergewichtig, davon 8 % - etwa eine Million - krankhaft übergewichtig. 70 % der Kinder im Alter von 10 bis 17 Jahren klagen gelegentlich schon über Rückenschmerzen. Die ersten Bandscheibenvorfälle treten bereits bei Schulkindern auf. Dabei sollten wir nicht einfach zusehen. Unsere Kinder müssen in Bewegung bleiben - vom Krabbelalter bis zum Schulabschluss. Zudem sollten sie Zusammenhänge von Gesundheit und Lebensführung verstehen. Deshalb meine Forderung nach Gesundheitsunterricht an den Schulen und mindestens einer Stunde Schulsport täglich.

Herr Prof. Dr. Grönemeyer, wir danken Ihnen für das interessante Interview!


(erschienen in Salus – Ihr Gutfühlmagazin, Ausgabe 1-2010)

(Salus professional 2-2010)

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